Donnerstag, 6. August 2015

Nachdenkliches zu einem aktuellen Thema

Da die Lage in unserem Land immer angespannter wird und ich mit Erschrecken feststelle, dass die Zahl hirnloser Arschlöcher - sorry, aber nichts anderes sind solche Leute für mich, die mit ihren rechtsradikalen Parolen und Taten landesweit für Aufsehen sorgen, indem sie Flüchtlinge anfeinden - möchte ich hier über etwas berichten, was ich kürzlich erlebt habe und was mich immer noch ziemlich verfolgt. Ich habe bisher nur mit wirklich engen Freunden und meiner Familie darüber gesprochen, weil mir die Erinnerung immer noch die Tränen in die Augen treibt.
Der eine oder andere weiß, dass ich vor ein paar Wochen mit zwei anderen Frauen zum Wandern/Bergsteigen in den Alpen war. Hin- und Rückfahrt haben wir mit dem Zug gemacht. Ab Innsbruck bestiegen wir einen aus Venedig/Italien kommenden Zug, der uns bis München bringen sollte. Während der Fahrt liefen mehrmals dünne, dunkelhäutige Menschen an uns vorbei, ich machte noch einen Scherz und sagte: "War denn 
hier irgendwo ein Marathonlauf? Die sehen alle so aus wie die typischen afrikanischen Läufer, die man so aus den Medien kennt." Ich habe mir wirklich nicht weiter was dabei gedacht. 
Uns schräg gegenüber auf der anderen Seite des Gangs saß ein schwarzes Mädchen, vielleicht 15 höchstens 16 Jahre alt, etwas älter als meine Tochter. Sie saß lächeln da und schien ihren Platznachbarn im Gespräch zu folgen. Ein paar Reihen weiter vorne saß eine junge, dunkelhäutige Familie, er vielleicht 30, sie in den Zwanzigern mit einem Säugling auf dem Arm, kaum 4 Wochen alt. Es war sehr heiß an diesem Tag, im Zug war es warm und der Säugling schrie fast die ganze Fahrt über. 
Unser Zug näherte sich der deutsch-österreichischen Grenze und kurz vor Rosenheim, dem ersten Bahnhof in Deutschland kam dann eine Durchsage, dass wir dort im Bahnhof einen längeren Stopp haben werden. 
Unser Zug rollte langsam in den Bahnhof ein, und dort standen dann im Abstand von etwa 10-15m Polizisten auf unserem Bahnsteig. Ich kann nicht sagen, wieviele es waren, sehr viele jedenfalls. Bewaffnet und mit Schutzwesten bekleidet. Ungefähr die Hälfte der Beamten stieg zu mehreren von jeweils beiden Seiten in die Waggons ein. Mit dabei Beamte der Bundespolizei. Die Waggontüren wurden verriegelt, keine Chance mehr auszusteigen. Ich kann nicht beschreiben, wie der Gesichtsausdruck des Mädchens uns gegenüber war. Vor Angst aufgerissene Augen starrten uns an. Und dann verstand ich. Diese ganzen dunkelhäutigen Menschen waren Flüchtlinge!! Klar, unser Zug kam ja aus Italien. Dort ließ man diese Menschen  gerne ziehen, wohlwissend, dass sie hier sofort abgefangen werden und man sie selber "nicht an der Backe hat". 
Der Bundesbeamte forderte uns alle auf, unsere Personalausweise vorzuzeigen, was wir total verschüchtert taten. 
Das junge Mädchen hatte keinen. Der Beamte sprach sie auf Englisch an: "Can you show me your passport?" Ich weiß nicht, ob sie es verstand oder nicht. Sie starrte ihn nur weiter an. Er fragte:"Are you from Eritrea?" Sie nickte. "Do you have any papers?" Uns Dreien liefen längst die Tränen übers Gesicht, aus Hilflosigkeit, Mitleid und Angst um diese Menschen. Der Beamte nahm das Mädchen mit, sie hatte nur eine Wasserflasche dabei. Draußen auf dem Bahnsteig wurden dann alle abgeführt: Junge Männer, Frauen, das junge Mädchen, die Familie mit dem immer noch schreienden Säugling. Im gesamten Zug waren sie verteilt, schätzungsweise 30-40 Personen, manche hatten eine Plastiktüte oder kleine Tasche dabei, die meisten nichts als das, was sie am Körper trugen.  In unserem Waggon war es totenstill und alle waren total betroffen. Einige haben wie wir geweint. Hätte nur einer eine rassistische Bemerkung gemacht, ich wäre aufgestanden und hätte ihm ins Gesicht geschlagen. 
Meine Freundin sagte treffend: "Meine Güte, diese armen Menschen. Jetzt haben sie das Mittelmeer überlebt, und müssen hier weiter Angst haben."
Ich mache den Beamten keinen Vorwurf, die machen auch nur ihren Job und soweit ich es sehen konnte, ist keiner der Beamten handgreiflich oder grob geworden. Ich muss ganz oft an dieses junge Mädchen denken. Ob sie sich auch schon den Hassattacken von o.g. Arschlöchern stellen musste? Ich hoffe, es geht ihr gut und sie ist irgendwo in Sicherheit. Denn sie hat ganz sicher nicht ihre Heimat verlassen, weil sie dort eine unbeschwerte Jugend hatte...
Dass die momentane Situation ganz bestimmt nicht optimal ist, ist klar. Aber da muss an anderer Stelle angesetzt werden, die Politiker aller betroffener Staaten müssen Lösungen finden ohne einander den schwarzen Peter zuzuschieben. Das schwächste Glied dieser Kette anzugreifen, nämlich die Flüchtlinge selber führt sicherlich zu keiner Lösung sondern immer weiter ins Chaos. Und ganz ehrlich: Ich wünsche jedem dieser Naziparolen schreienden Idioten, er möge selber mit einem Floß im Mittelmeer ausgesetzt werden!






Kommentare:

JetteCoquette hat gesagt…

Soweit ich das heute in einem Bericht im ZDF verstanden haben, machen die Beamten das in Rosenheim, um unbefugte Asylflüchtlinge aus sicheren Balkanstaaten, die "nur wegen der Armut" flüchten, möglichst schnell erkennen und rückführen zu können. Die berechtigten Kriegsflüchtlinge, wie sicher auch das Mädchen aus Eritrea ist, sollen registriert und aufgenommen werden.
Also passiert den ganzen Menschen im Zug, die euch aufgefallen waren, seitens der Polizei nicht schlimmes. Sie werden erfasst und in Unterkünfte gebracht, wo sie auf Gewährung ihres Asylantrags warten.
Problem für diese Menschen ist sicher das militärisch anmutende Auftreten der Polizei. Die Menschen flüchten vor dem Krieg, Militär zu sehen bedeutet nichts Gutes. Sie reisen wochen- oder monatelange unter Lebensgefahr durch diverse Länder, in denen sich in den meisten wenig Hilfe bis Ablehnung erfahren und werden dann kaum in D. in militärischem Stil abgeführt. Das ist leider ein schlimmes Erlebnis, das finde ich auch, nur fällt mir bei den Massen an legalen und illegalen Flüchtlingen nicht ein, wie man eine Erstaufnahme im Land, weniger militärisch gestalten kann.
Was ich an der ganzen Flüchtlingssituation so furchtbar finde ist, wie die Leute zum Teil untergebracht werden, dass sie in im Ausland in Gefängnissen und Lagern eingesperrt werden, dass auch in Deutschland die Unterbringungen oft in Containern und mit wenig Bevölkerungsbezug geschieht, es gibt Vollposten, die weder Hrin noch Herz haben und sich vor Asylunterkünfte stellen und demonstrieren, hetzen und schlimmeres. Sie werden sich selbst überlassen, entpersonalisiert. Es zählt nicht mehr, wer oder was sie waren, was sie erlebt haben, sondern sie sind nur noch ein "weiterer Asylbewerber". Anonym, unpersönlich, unmenschlich.
Ich hoffe, dass die Menschen aus deinem Zug Glück hatten und in Südbayern bleiben können. Denn abgesehen davon, dass es hier wirklich eine schöne Gegend ist, die sicher und vermehrt von (ich wills mal so sagen) aufgeklärten Bürgern bewohnt wird, klappt hier die Integration meistens relativ gut, die Unterbringung der Leute erfolgt zentral, integrativ und "persönlich", die Bürgerinitiativen sind sehr aktiv. Ich denke, in Südbayern hätten sie es gut getroffen.
Denk dir einfach über dein Erlebnis im Zug, auch wenn es ein schlimmer Moment war, es war nicht das Schlimmste was sie im Leben erlebz haben, das haben die Menschen nun überstanden und sie sind angekommen und auch wenn für sie viel aufzuarbeiten ist, sind sie nun sicher.
LG Eva

Anonym hat gesagt…

Ich hoffe auch, dass es den Flüchtlingen aus dem Zug - und all den anderen - gut geht. Alle Menschen verdienen ein Leben, in dem sie eine Chance haben, glücklich zu sein und ihre Träume zu verwirklichen. Wer sein Leben auf's Spiel setzt und alles zurücklässt, tut dies sicherlich nicht ohne guten Grund - sei es, weil im Heimatland Krieg und Verfolgung herrschen, sei es weil Armut und totale Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit herrschen. Und deinem abschließenden Wunsch kann ich mich nur anschließen!
LG Saskia